Eine Zusammenfassung von Batl. Zahlmeister Jochen Hüfken 4. Kompanie
Ein Hauptgrund für die Erfolge der französischen Revolutionsarmeen und der „Grande Armée“ Napoleons lag nach weit verbreiteter Auffassung preußischer Fachleute in Armeeführung und Staatsverwaltung in der Nutzbarmachung aller Volkskräfte. Es war deshalb für Preußen nahe liegend, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Die Unabhängigkeit Preußens konnte demnach nur durch die Mobilisierung aller geistigen, moralischen und physischen Kräfte wiedergewonnen werden.
Im Hinblick auf das Heereswesen sahen die Reformer die Trennung von Armee und Volk als die eigentliche Ursache der Niederlage von 1806“ (Anmerkung.: Schlachten bei Jena und Auerstedt; s. Skizze Seite 2) „an; sie zu beseitigen war die Voraussetzung aller weiteren Anstrengungen.“ (1.)
Abbildung 1 - Der Krieg von 1806
Ein Haupterfordernis hierzu war, dass sich der bisherige „Untertan“ als „Staatsbürger“ fühlen konnte, für den es selbstverständlich war, sein Vaterland zu verteidigen. Auch heute noch werden die Bundeswehrsoldaten als „Staatsbürger in Uniform“ angesehen.
Die formelle Aufhebung der Standesschranken, die Befreiung der Bauern aus der Erbuntertänigkeit und die Beteiligung der Bürger an der Selbstverwaltung der Städte waren bei dieser Konzeption wichtige Grundvoraussetzungen, wenn man das „Volk in Waffen“ proklamieren oder von einem Bündnis zwischen „König und Nation“ sprechen wollte.“(1.)
Den ersten grundlegenden Entwurf für die Heeresreformen legte 1807 Gerhard J.D. von Scharnhorst dem König Friedrich Wilhelm III. vor, den dieser jedoch skeptisch und ungnädig zurückwies. Im März 1808 legte Scharnhorst den nächsten und überarbeiteten Entwurf vor.
Abbildung 2 - Gerhard von Scharnhorst
Richtlinien für die Reorganisation der Armee
von König Friedrich Wilhelm III; 1807
Da es wohl nach der bisher gemachten Erfahrung, auch nach der veränderten Lage der Sachen weder tunlich noch geraten sein möchte, die Armee bei ihrer Wiedergeburt verhältnismäßig ganz wieder auf den ehemaligen Fuß zu setzen, so würden hierbei vorläufig folgende Punkte zu beachten sein und demnächst ein Plan zu entwerfen sein, damit bei neuen Formierungen sogleich nach dem Geist desselben verfahren werden könne, und keine unnötige, damit in Widerspruch stehende Einrichtungen zu treffen:
wird man vor allen Dingen die Officiere, so sie ihre Schuldigkeit offenbar nicht getan haben, vom Dienst auszuschließen und nach den Umständen auf das strengste zu bestrafen haben;
solchen, deren Betrafen zweifelhaft geblieben, sind zur Rechenschaft zu ziehen;
wird eine permanente Einteilung in Divisionen in möglichst gleicher Stärke am natürlichsten sein und hiernächst diese Divisionsgenerale die zeitherigen Inspekteurs zu ersetzen haben;
Es erfolgt gewissermaßen von selbst die Haupteinteilung in verschiedene Armeekorps, die ein jedes aus mehreren Divisionen bestehen und dessen vollständige Organisation zum Kriege schon im Frieden einzurichten ist."( 1.)
„Alle Hoffnungen der Reformer bei ihren Planungen in den Jahren 1808 – 1810, dass das Bürgertum seine Einstellung gegenüber dem Militärdienst schon geändert habe, beruhten mehr oder weniger auf Illusionen. Erst 1812/13, nach jahrelangem Druck der französischen Willkürherrschaft, begann in weiten Teilen der Bevölkerung der Wille zum militärischen Widerstand die früheren Vorbehalten zu überwiegen.“ (1.) Die Überlegungen und Maßnahmen der Militärreformer zwischen 1807 und 1812 liefen darauf hinaus, das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht vorzubereiten und den Dienst des „Bürger in Uniform“ zumutbar zu machen. Hierzu gehörte u.a. die Abschaffung der Prügelstrafe als eine Art der Disziplinierung.
Abbildung 3 - Bestrafung der Soldaten mit Stockschlägen
„Kein Soldat sollte mehr mit Stockschlägen bestraft werden, der sich nicht eines schweren oder entehrenden Verbrechend schuldig gemacht hatte und zuvor aufgrund eines standgerichtlichen Verfahrens in die so genannte 2. Klasse des Soldatenstandes versetzt worden war. Die Zuordnung zur 2. Klasse erfolgte im Allgemeinen bei Eigentumsdelikten und bei Fahnenflucht!"
Den Soldaten der 2. Klasse war das Recht versagt, das National-Militärabzeichen (später: die Kokarde) am Tschacko zu tragen; sie waren mithin kenntlich gemacht. (1.)
Der neue Offiziertyp
Erlass zur Besetzung der Portopeefähnriche und Wahl der Officiere (1808)
Ein Anspruch auf Officierstellen sollen von nun an in Friedenszeiten nur Kenntnisse und Bildung gewähren; in Kriegszeiten ausgezeichnete Tapferkeit und Überblick. Aus der ganzen Nation können daher alle Individuen, die diese Eigenschaften besitzen auf die höchsten Ehrenstellen im Militär Anspruch machen. Unter den Portopeefaehnrichen findet keine Anciennitaet statt, und der zuletzt eingetretene oder der noch nicht in die bestimmte Zahl einrangierte kann ebenso gut als jeder der andere zum Offizier erwählt werden.
Zum Portopeefähnrich sind folgende Kenntnisse erforderlich:
Erträglich Schreiben in Hinsicht auf Kalligraphie und Orthographie
Arithmetik inklusive Proportionen und Brüchen
Ebene Geometrie, die ersten Anfangsgründe
Planzeichnen, verständlich aber nicht schön
Elementargeographie
Allgemeine Weltgeschichte, vaterländische Geschichte
Nicht bloß Kenntnisse und Wissenschaften sind die Erfordernisse, die einen brauchbaren Officier bezeichnen, sondern auch Geistesgegenwart, schneller Blick, Pünktlichkeit und Ordnung im Dienst und anständiges Betragen sind Haupteigenschaften, die jeder Officier besitzen muss.“ (1.) Nachdem durch Generationen hinweg allein die adlige Herkunft für die Besetzung der Offizierstellen ausschlaggebend war, wurde in der Reformphase nur noch Wert auf Ausbildung und Wissensstand der Anwärter gelegt.
Abbildung 4 - Militarisierung der Versorgungsdienste in Preußen 1808- 1812 . Bis 1808 lag die Versorgung des Militärs in Händen von zivilen Unternehmern und Fuhrknechten
Die Neuorganisation des stehenden Heeres
„Entsprechend der Pariser Konvention war die Höchststärke der Preußischen Armee auf 42.000 Mann festgelegt worden (10 Regimenter Infanterie, 32 Eskadronen Kavallerie, 6000 Mann Artillerie und Ingenieurstruppen).
Durch Kabinettsordre vom 16.11.1808 wurde dieses Heer eingeteilt in sechs gemischte Brigaden:
die Ostpreußische
die Westpreußische
die Pommersche
die Brandenburgische (trug im Manöver einen Eichenbruch an der Kopfbedeckung)
die Niederschlesische und
die Oberschlesische.
Die Soldaten erhielten neue Uniformen, die denen der russischen Armee ähnelten. Sie waren nach praktischen Gesichtspunkten geschnitten und im Vergleich zu den früheren einfacher. Der Zopf verschwand, und 1811 wurde auch das Pudern der Haare abgeschafft. „1.)
Auch wurden die Dienstgrade (Gefreiter, Obergefreiter, Unteroffizier, Sergeant, Vizefeldwebel, Leutnant, Oberleutnant, Hauptmann u.s.w.) im Zuge der Reformen vereinheitlicht; ebenso wie die Beförderungsrichtlinien und die Rangabzeichen (s. Abb. 5).
Dienstgradabzeichen der Offiziere
Abbildung 5
Die Epauletten wurden zur Ausgehuniform, die Schulterstücke zur Kampfuniform getragen.
Die Bürgerwehr in der Stadt Wesel zur Zeit der Reformen
Nicht nur das Militär unterlag den großen Reformen, sondern auch das gesellschaftliche Leben; alles war im Umbruch. Als Beispiel soll hier ein „Wache-Reglement“ dienen, welches in Wesel im Jahre 1809 erlassen wurde.
„Das „Berauschen“ ist untersagt, es kostet 24 Stüber.
Das Zuspätkommen zur Wache kostet 15 Stüber.
Beim Arrestieren muss die gehörige Höflichkeit beachtet werden.
Der zu Arrestierende darf nicht angegriffen werden, auch nicht grob behandelt. Nur im Falle der Widersetzlichkeit darf Gewalt angewandt werden.
Ein Haus darf von der Patrouille nicht betreten werden, es sei denn, dass der Besitzer sie zu Hilfe ruft.
Geld und Geschenke anzunehmen, ist verboten.“ 2.)
Anmerkung:
1 Thaler = 29 Stüber = 49 Albus = 116 Ort brabantischer Währung
1 Stüber = 4 Ort = 20 Heller
Diese Währung galt in Wesel seit 1550 3.)
Bildnachweis:
Abb. 2: Wissen des 20. Jahrhunderts
1970, Verlag für Wissen und Bildung, Rheda, Band 1, Seite 499
Abb.1, 3, 4, 5,: Grundzüge der deutschen Militärgeschichte
Karl Volker Neugebauer, Rombach VerlagFreiburg, 1993, Band 1 und 2
Quellennachweis:
1. ) Grundzüge der deutschen Militärgeschichte
Karl Volker Neugebauer, Rombach Verlag Freiburg, 1993, Band 1 und 2
2. ) Von der Bürgerwehr zum Bürgerschützen Verein zu Wesel
Heinrich Fassbender, Wesel 1959, M. Schiffer Verlag, Rheinberg
3. ) Wesel – Lebendige Stadtgeschichte
Heinrich Bernds, 1993, Herausgeber: Historische Vereinigung Wesel